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  • Karin

Der unbeirrbare Alltagsyogi Nr. 15


Der unbeirrbare Alltagsyogi schaut zurück: Wochen sind nun vergangen, seitdem er seine ganz eigene Yogapraxis aufgenommen und wie er stolz sagen kann: etabliert hat...eine Reise der ganz besonderen Art…die tägliche Ausrichtung auf diese Disziplin (und die hat es so manches Mal abverlangt) hat etwas bewegt...und bewirkt...wie ein Same, den er in die Erde gelegt hat. Das Wachstum selbst lag nicht an ihm aber sehr wohl die Bedingungen, die er dem Samen geschenkt hat. Da war er an manchen Tagen etwas, naja, oberflächlich, fahrlässig...unachtsam...und an anderen Tagen überbesorgt...dazwischen die Mitte zu finden, als wo der Same genügend Schutz und Unterstützung hat aber auch genügend Freiheit, wachsen zu dürfen wie er möchte und es in seinem Plan hinterlegt ist, war gar nicht so einfach. Wie oft musste der unbeirrbare Alltagsyogi feststellen, dass er dem Samen gerne vorgeben wollte, wie er zu wachsen hätte...welch verhängnisvolles Unterfangen! Das ist fast so, als würde er der Schöpfung vorschreiben, wie sie zu sein hat. Und auch, wenn ihm das sicherlich das ein oder andere Mal eine Befriedigung gegeben hätte: die Vorstellung, dass jeder Mensch sich über die Schöpfung erhebt, und dieser vorgeben möchte, was das eigene kleine Ich sich wünscht, war ihm dann doch ungeheuerlich. Entschlossen liess er Momente seines Lebens an sich vorüberziehen...und als Zuschauer seiner Lebensereignisse konnte er etwas feststellen, was ihn fast schon ein wenig schuldig fühlen liess: diese vielen Momente, wo er das Leben beschuldigte, nicht so zu sein, wie er es gerne hätte...wo er teils ausgefeilschte und subtile Manupulationsmechanismen anwandte, um die Lebenssiutationen zu seinem Vorteil zu verändern. Wo er nicht akzeptieren konnte, dass sich Dinge in seinem Leben ereigneten, die alles andere als seinem eigenen Plan entsprachen. Und beim genaueren Hinsehen wurde ihm fast schwindlig von diesen ablehnenden und teils sehr miesen Manipulationsversuchen. Sein Herz begann schneller zu schlagen und er war geneigt, sich dafür nieder zu machen...aber dann hörte er sie: die Stimme, die sich niemals anmeldetete aber immer dann da war, wenn es brenzlig wurde:“Lerne aus der Vergangenheit...statt Dich zu beschuldigen sieh, dass Du aus dem Wissen heraus gehandelt hast, das Du gerade hattest. Das Leben ist da, damit Du wie der Same wachsen und lernen und Dich mehr und mehr aus der Unwissenheit heraus lösen kannst. Je mehr es Dir gelingt, desto mehr kannst Du Dein eigenes aber auch das Leid von anderen Menschen umwandeln und zukünftiges Leid vermeiden.”Unwissenheit...Leid...hmmm, irgendsoein religiöser Firlefanz? fragte sich der irritierte Alltagsyogi...damit hatte er schon lange abgeschlossen…Milde lächeld wandte sich ihm die so klare und doch weiche Stimme Stimme nocheinmal zu:“Die Psychologie des Lebens hat nichts mit Gesetzmässigkeiten zu tun, die die Menschen gerne in eine Form packen und als Systeme verkaufen. Das Leben hat eine solche Unfassbarkeit, dass es nicht mit Formen erfasst werden kann...wohl aber versucht der Mensch über Formen zu verstehen. Das kann sehr hilfreich sein...ist aber nur ein Hilfsmittel, das irgendwann losgelassen werden muss, um sich für eine tiefere Weisheit und Erfahrung öffnen zu können und nicht in dem Hilfsmittel die schlussendliche Wahrheit zu sehen. Hinterfrage Deine Handlungen, Deine Worte und sogar auch Deine Gedanken, aus welcher Motivation heraus sie entstehen...dann kannst Du eingefahrene wenig dienliche Denk-Verhaltens-und Bewusstseinsmuster umwandeln...und Dir selbst eine neue Zukunft erschaffen, die von heilsamen Energien durchdrungen ist.”Das war ja mal wieder ziemlich philosophisch – und konnte nicht so ganz gleich von dem ausgerichteten Alltagsyogi erfasst werden. Wobei er merkte, dass ein Teil in ihm genau wusste, was gemeint war aber ein anderer Teil – der des Verstehen Wollens – etwas langsamer war und sicherlich noch etwas mehr Zeit brauchte, um das Gehörte so wirklich in seinen Alltagsverstand umzusetzen. Da er heute nach seiner Asanapraxis mal wieder das Savasana weggekürzt hatte (das schien ihm manchmal zu langweilig), entschloss er sich, dieses jetzt nachzuholen.Bequem richtete er es sich in der Rückenlage auf seiner Matte ein, so dass er gut ruhen konnte. Es heisst zwar immer, dass Savasana, also die Entspannung, ebenso eine Haltung ist, wie alle anderen aber heute wurde dem entschlossenen Alltagsyogi klar, dass es für ihn vielmehr eine Position ist, in der sich alle anderen Positionen auflösen. Eine Haltung, des Zurücktretens, des Loslassens um zu erfahren, was geschieht, wenn sich die Formen auflösen – wenn all das, was er vorher an Positionen eingenommen hat, wieder vergehen. “Was bleibt”, fragte er sich, wenn sich die Formen auflösen? Oh - mit einem Mal wurde dem angerührten Alltagsyogi klar, warum “Savasana” die “Totenstellung” heisst und so besonders wichtig ist. Nicht nur, weil man regungslos, wie ein Toter daliegt, sondern, weil man das Reich der Form verlässt...so wie es womöglich ein Mensch erfährt, der stirbt und seinen Körper verlässt...Die äussere Form löst sich auf...und dann entsteht etwas neues...Übertragen auf diesen Moment könnte man vielleicht auch sagen, dass sich die eigenen Strategien, mit denen wir meinen, unser Leben stemmen zu müssen verändern, auflösen...zumindest für einen Moment...das ist die Chance, in der ein neues Wissen und eine tiefere Weisheit Entfaltung finden und in die Zeit nach dem wieder wach werden aus Savasana mitgenommen werden kann in den Alltag.Mannomann, dachte der unbeirrbare Alltagsyogi – da hat sich ja mal jemand ganz schön was cleveres ausgedacht. Erfüllt von seiner neuen Erkenntnis begann er, sich langsam aus seiner Ruheposition zu lösen...heute ganz besonders langsam, um möglichst nicht gleich schon wieder in seine alten Handlungsmuster zu fallen, sondern den Moment auszukosten, in dem er sich so tief mit etwas viel Grösserem als er es sich vorstellen konnte, verbunden fühlte und bereit zu sein, sich in neuen Formen der Erkenntnis ins Leben zu begeben.





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