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Der unbeirrbare Alltags-Yogi Nr. 3


...unerbittlich hämmern die Ping und Pong Töne des Weckers auf das zarte Gehör des entschlossenen Alltags-Yogis. Sein Arm folgt schon fast der Routine und will ausschwenken, um den Knopf für die Weckwiederholung zu drücken, da schaltet sie sich ein, die Stimme der Unbeirrbarkeit:

“Jetzt gleich aufstehen – wach werden kannst du später!”

Später wachwerden verspricht, noch ein wenig weiter dösen zu können und somit rollt sich der entschlossene Yogi aus seinem Bett. Tatsächlich fehlt es noch ein wenig an Koordination und das könnte Begründung sein, das wohlroutinierte ausgefeilschte Morgenyoga nochmal zu verschieben – nicht dass es zu einem tragischen Unfall kommt. Aber die beharrliche Stimme weist den Yogi auf die Matte:

“Genau dafür ist Dein Yoga: nicht in Erwartung an Perfektion, sondern da zu beginnen, wo Du gerade stehst”

“Hmmm, wo stehe ich denn?” fragt sich der Alltagsyogi und reibt sich verschlafen die Augen. Der Kopf scheint ganz woanders zu sein wie der Körper, so als wären unüberbrückbare Furchen wie im Grand Canyon zwischen beiden, die nicht mal gerade mit einem eleganten Hüpfer zusammen geführt werden können. Am besten erst mal Hinsetzen...und ein dickes Kissen unter den Po schieben...ah, jetzt ist es schon besser, den Körper zu spüren.

Man sollte meinen, wenn man noch so schlaftrunken ist, dass der Körper noch keine Chance hatte, sich anzuspannen – aber anscheinend hat der Körper die ganze Anspannung vom Vortag gebunkert...vielleicht auch noch die vom Vorvortag und die vom Vorvorvortag – für schlechte Zeiten oder so...

Entschlossen nutzt der unbeirrbare Alltagsyogi seinen Atem, um mit jedem pfeifenden Ausatmen die Überbleibsel von all dem Spannungs-Sammelsurium gehen zu lassen – zumindest mal so weit, bis sich das Sitzen etwas freier anfühlt.

Dann kommt auch schon ganz von alleine der Impuls, die Dampflokomotivenatmung durchzuführen...und Piinnngggg: der Geist ist angeschalten und scheint gar nicht mehr so weit vom Körper entfernt zu sein. Mit ein wenig mehr Wachheit in Körper und Kopf schliesst der unbeirrbare Alltagsyogi mal vorsichtshalber noch die Sauerstoffflaschenatmung an, bevor sich mit nun angeschaltenem Kopf die Gedanken einmischen, denn der ehemals müde Körper scheint gar nicht so sehr das Problem zu sein als vielmehr dieser Hauptbahnhof im Kopf mit all den Gedanken-Eilzügen, die so flugs sie auftauchen auch schon wieder in der Ferne verschwunden sind aber dafür Ein-und Ausstiegsstellen nutzen, um in andere Gedanken-Züge einzusteigen. Da kann einem ja nur schwindlig werden.

Apropos schwindlig: jetzt wäre wohl der passendste Moment überhaupt, um den Kreislauf ein wenig in Schwung zu bringen (der fehlende Morgenkaffee macht sich irgendwie doch bemerkbar!). Entschlossen und unbeirrt springt der routinierte Alltagsyogi auf, um seinen ersten echten sich selbst angeleiteten Sonnengruss durchzuführen.

Die Füsse stehen gut nebeneinander...das Herz ist unter dem Kopf und der Kopf gut über den Füssen. Achja, das Om: gut, dass ihm das gerade noch einfällt, um den Sonnengruss perfekt einzubetten...die Hände am Herzen brummt der Alltagsyogi sein klangvollstes Om (das sogar bis zu den Nachbarn vibriert)...wartet geduldigst, bis dieses sich wieder im Äther auflöst, um dann die Arme deckenwärts zu strecken. Die Füsse immer noch gut in den Boden gedrückt wird der Yogi länger und länger, um dann schliesslich das Becken nach vorn zu rollen und den Oberkörper sinken zu lassen. Das zieht ordentlich in den Beinen und fühlt sich so an als wollte das Becken nicht richtig mitmachen. Aber da es ja keine Zuschauer gibt und der entschlossene Alltagsyogi nichts mit Stolz präsentieren muss, beugt er die Beine, die dann zwar immer noch lang aber wesentlich entspannter sind und diese kleine Veränderung vor allem auch dem Rücken gut tut. Locker lässt der Alltagsyogi den Kopf hängen und spürt, wie das Blut in seinem Kopf pocht...die Frage, ob da wohl noch was für seine Beine übrig bleibt, ist berechtigt...und bevor diese langen Beine wegen Blutarmut zusammenbrechen, hebt der entschlossene Yoga seine Brust und seinen Kopf – schaut nach vorn und drückt die Hände fest in den Boden. Toll, wie die Hände die Schultern tragen, da werden die Beine frei, um nach hinten zu wechseln: zwei grosse Ausfallschritte und schon findet sich der tapfere Alltagsyogi in seiner vollsten Kraft in der Brettposition wieder, die so stabil ist, dass nach noch nichtmal einem halben Atemzug der Bauch und das Becken wie eine Hängematte nach unten durchsinken. Ui, das mag der Rücken gar nicht. Selbst wenn der Kopf es gerne anders hätte: es bleibt nichts übrig, als die Knie auf der Matte abzusetzen und den angehaltenen Atem rauszuprusten. Puh, an der Eleganz dieser Position kann man womöglich noch ein klein wenig arbeiten...diese feine Detailarbeit hebt sich der unbeirrbare Yogi für später auf und macht in seinem Zyklus weiter. Er rollt das Becken und den Oberkörper zum Boden und ach, wie ist das herrlich: wieder ganz flach da zu liegen...da könnte man bleiben. Aber wie sollte es anders sein: die Stimme aus dem Hintergrund gibt schon wieder Anweisungen:

“Beine nach hinten längen, Leisten in die Matte drücken, Hände unter die Schultern und dann den Oberkörper ein wenig heben”...2cm scheinen dem entschlossenen Alltagsyogi wie 2 Meter die aus purer Muskelkraft getragen werden – die sich nach oben schlängelnde Cobra fühlt sich mehr wie ein Erdenwurm an, der mal gerade die Nasenspitze hebt. Aber egal...Hauptsache die Routine weiter ausbauen...und damit geht's auch schon weiter: zurück auf alle Viere und dann in den Hund, der nach unten schaut. Hier erst mal räckeln und strecken (all das, was er beim überschnellen Aufstehen versäumt hat) und dann wieder die Füsse zwischen die Hände wandern...noch einmal nach vorn schauen (es könnten sich ja unbemerkt Bewunderer ins Zimmer geschlichen haben)...aber nein...dann kann man den Oberkörper getrost wieder sinken lassen, um sich dann aus voller Beinkraft heraus nach oben zu erheben...den Blick nochmal zu den Händen, die ihren Weg zur Decke suchen, um dann die Hände vor das Brustbein sinken zu lassen. Om Shanti...welcher Friede liegt darin, eine Sequenz zu beenden! Aber nicht nur, weil die Anstrengung jetzt aufhört: irgendwas fühlt sich anders an als zuvor. Dem entschlossenen Alltagsyogi ist noch nicht ganz klar, was es ist aber er wird dem Rätsel schon noch auf die Schliche kommen. Dazu setzt er zu einem weiteren Durchlauf des Sonnengrusses an. Dieser fühlt sich eindeutig geschmeidiger an, als der allererste...die Kraft scheint sich mehr dahin auszurichten, wo sie gebraucht wird, der Atem ist enstpannter und vor allem scheint weniger Anstrengung da zu sein.

Stolz auf seine ersten Sonnengrüsse legt sich der Alltagsyogi nach vollbrachtem Werk auf den Rücken und lässt sich die nun mitlerweile auch aufgegangene Sonne, die zum Fenster herein scheint, auf den Bauch scheinen.

Ah, das ist gut...in seiner Kraft zu ruhen und zu spüren, wie der Atem den Bauch hochhebt und wieder sinken lässt. Einfach nur da liegen und diese äusserst fortgeschrittene Yogasequenz auf sich wirken lassen.

Nach ein paar Minuten fühlt sich der unbeirrbare entschlossene Alltagsyogi so erfrischt, dass nichts und niemand ihn von seinem Tagewerk abhalten kann. Entspannt steht er auf und freut sich über sein professionelles Üben. Om Shanti!

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